Wir leben in einer Welt, in der Wirtschaft zunehmend von der Vernetzung von Software-Applikationen über Schnittstellen, sogenannten APIs, bestimmt wird. Holger Kahnt, Mitglied der Geschäftsleitung und verantwortlich für den Standort Darmstadt, ist daher überzeugt, dass das Zusammenführen von Daten und Prozessen ein bedeutendes Geschäftsfeld für Digitalagenturen sein wird. Grund für uns, genauer nachzufragen, was es mit der API-Economy auf sich hat.

API steht für Application Programming Interface – das klingt ziemlich abstrakt. Wie würdest du jemandem, der diese Begriffe noch nie gehört hat, erklären, was es damit auf sich hat?

Jede Software braucht ein Interface, damit sie genutzt werden kann. Wenn dieses für Menschen geschaffen wurde, bedienen wir es in der Regel an einem Bildschirm per Mausklick, Touch-Interaktion oder über eine Tastatur. Eine API ist auch ein Interface – allerdings sorgt es dafür, dass unterschiedliche Software-Anwendungen in einer gemeinsamen Sprache miteinander kommunizieren können. Und wenn sich Applikationen miteinander verbinden, vernetzen sich immer auch Unternehmen. APIs revolutionieren also die Art und Weise, wie Unternehmen miteinander kooperieren und erlauben völlig neue Geschäftsmodelle.

Welchen Einfluss hat das auf unser Geschäftsleben?

APIs bestimmen zunehmend unseren Alltag als auch unser Wirtschaftsleben. Den meisten Menschen ist nicht klar, dass wir schon längst in der Zeit der API-Economy leben. Praktisch alle Software- und Internet-Unternehmen machen heute einen großen Teil ihres Umsatzes damit, dass sie ihre Dienstleistungen über APIs anderen Firmen zur Verfügung stellen. Sechs von zehn eBay-Kunden kaufen zum Beispiel nicht mehr auf der Website, sondern in Apps und Stores von Drittanbietern, die eBay-Produkte über die API in ihr Angebot eingebettet haben. Noch extremer ist es bei Expedia: Hier sind es sogar 90 Prozent. Auch Salesforce macht die Hälfte seines Umsatzes über die API. Amazon, Microsoft, Facebook … die Liste lässt sich beliebig fortsetzen.

Leider gehören weder Amazon noch eBay zu unseren Kunden. Wie lassen sich APIs im deutschen Mittelstand nutzen?

Zwar gehören diese Giganten nicht zum deutschen Mittelstand, aber er arbeitet doch mit ihnen zusammen und nutzt sie für seine Wertschöpfung. Ein typischer Anwendungsfall ist E-Commerce: Ich möchte Produkte sowohl in meinem Online-Shop als auch auf eBay und Amazon verkaufen. Außerdem soll mein Warenwirtschaftssystem über jeden Verkauf auf einer der drei Plattformen informiert werden. Meine Kundenliste in Salesforce soll immer auf dem neuesten Stand sein und an Mailchimp weitergegeben werden, damit ich jedem Käufer einen Newsletter zuschicken kann – am besten regelbasiert, damit jeder Käufer individualisiert angesprochen wird. Auch wollen viele Unternehmen zwar die Dienste und Funktionen einer Applikation nutzen, aber nicht deren Nutzeroberfläche. APIs machen dies möglich.

Welche Tools können Agenturen nutzen, um das Verbinden von Applikationen als Leistung anzubieten?

Damit APIs miteinander kommunizieren, muss ein Programmierer diese Verbindung erstellen. Das ist kein einfaches Unterfangen. Eine Punkt-zu-Punkt-Verbindung lässt sich in der Regel noch mit überschaubarem Aufwand programmieren. Deutlich aufwändiger wird es, wenn man gleich mehrere Lösungen verbinden will, wie in unserem E-Commerce-Beispiel. Ein massives Problem ist, dass die Fehleranfälligkeit und der Wartungsaufwand mit zunehmender Komplexität exponentiell ansteigen. Mittelständler und insbesondere KMUs haben oft keine IT-Abteilung, die diese Aufgabe stemmen kann. Hier kommen cloudbasierte Integrationsplattformen wie Mulesoft oder flowground von der Telekom ins Spiel. Dies sind Integrations-Tools, die mir diesen Programmieraufwand abnehmen. Sie stellen bereits fertig programmierte Verbindungen bereit, die sich über eine intuitive Bedienoberfläche vernetzen lassen. Diese Plattformen sind wie Steckerleisten, über die wir Software-basierte Services einfach miteinander verbinden können.

Wie nutzt CAMAO Integrationsplattformen zurzeit?

Bei jeder Kundenanfrage prüfen wir, ob und welche Software-Applikationen es gibt, die miteinander kommunizieren müssen. Gibt es manuelle Tätigkeiten, welche automatisiert werden können? Oder Daten, die angereichert mit Logik von einem System in ein anderes fließen sollen? Bei solchen Vorhaben kann eine Integrationsplattform den Aufwand enorm verringern. Wir haben da schon einige Use-Cases gesammelt.

Ein Beispiel bitte!

Wir haben für einen Beautycare-Distributor eine App entwickelt, mit der seine Kunden unkompliziert Produkte nachbestellen können. Über flowground konnten wir die App problemlos an das bestehende ERP-System des Kunden anbinden. Von der Anfrage des Kunden bis zum Start des Pilotbetriebs haben wir keine sechs Wochen gebraucht. Ich schätze, dass wir mit flowground die Hälfte der Zeit und nur ein Drittel der üblichen Kosten für die Integration benötigt haben.

Welches Potenzial siehst du bei Integrationsplattformen für das Geschäft von Digitalagenturen?

Ich bin fest davon überzeugt, dass das Zusammenspiel von Applikationen und das Integrieren von Daten über Schnittstellen eine zentrale Leistung im Portfolio von Digitalagenturen sein muss. Nicht zuletzt, weil gerade im Marketing zunehmend Daten als Basis für Geschäftsentscheidungen genutzt werden. Integrationsplattformen helfen uns hier, unser Angebot an unsere Kunden zu erweitern, als Systemintegrator zu skalieren und profitabler zu arbeiten. Denn Verbindungen und Workflows, die wir für einen Kunden entwickelt haben, können wir jederzeit für neue Anfragen wiederverwenden. Diese „Digitalisierung per Knopfdruck” werden wir bei CAMAO in Zukunft noch viel mehr einsetzen!