Ein Beitrag von Daniel Hartnauer.

Zugegeben: Eine Fahrt von München nach Nürnberg ist nicht besonders lang oder aufwendig. Das Gegenteil ist der Fall, wenn man eine Corporate Identity für ein über 7.000 Mitglieder großes Unternehmen wie DATEV eG konzipiert, designt und erfolgreich einführt. Beides durfte ich erleben, wobei mich letzteres bei weitem mehr beeindruckte – als User-Experience-Designerin Birgit Stenzel darüber referierte, wie über mehrere Jahre die DATEV Design DNA erfolgreich entwickelt wurde.

Vor kurzem besuchte ich die UX-Veranstaltung „User Experience optimieren – erfolgreich(e) Software gestalten“. Dieses halbjährige Treffen wird von BITKOM veranstaltet und findet immer an unterschiedlichen Orten in Deutschland statt – zuletzt in Nürnberg bei der DATEV eG. Diesmal haben sich die BITKOM-Arbeitskreise „Usability und User Experience“ (AK UUX) und „Enterprise Resource Planning“ (AK ERP) getroffen, um den Status Quo und die Potenziale von UX und Usability im Umfeld betriebswirtschaftlicher Software und ERP darzustellen, die Chancen zu identifizieren und zu diskutieren.

Expertensitzung über Trends und Innovationen

In sechs interessanten Beiträgen wurde ein facettenreicher Bogen gespannt, der sich dem Thema auf unterschiedlicher Art und Weise näherte. Dirk Bingler (GUS Deutschland GmbH) und Dr. Karsten Sontow (Trovarit AG) erläuterten den Wandel der digitalen Transformation und schilderten ihre bisherigen Erfahrungen im Bereich von ERP-Systemen.

Hartmut Hahn von der Userlane bietet eine komfortable und vor allem kostengünstigere Alternative Alternative zur klassischen UX-Optimierung einer bestehenden Software-Anwendung. Durch vordefinierte Klickpfade wird der User an die Hand genommen und erhält eine auf ihn zugeschnittene Benutzerschulung.

Ein weiterer Vortrag, von Dr. Ronald Hartwig (untrouble GmbH), setzte sich mit der Frage nach der Vereinbarkeit von Agilität und Kreativität auseinander. Durch ein Praxisbeispiel aus seiner langjährigen Berufserfahrung veranschaulicht er, welche Hürden im UX-Prozess bei der agilen Entwicklung zu beachten sind: entscheidende Parameter wie die Interessen der Stakeholder, interne Politik, Risikobereitschaft, Gruppendynamiken, Beharrungskräfte der Beteiligten und individuelle Fähigkeiten der Projektmitglieder. Hinzu kommt die Schwierigkeit der konsequenten Einhaltung eines agilen Entwicklungssystems. Nach seiner Erfahrung ist die Integration eines „kleinen Wasserfalls“ bei einem langfristigen Optimierungsprozess unvermeidbar. Unabhängig von allen möglichen Ressentiments liegt die Wichtigkeit darin, die Erwartung und Machbarkeit vor einem Projekt mit allen Beteiligten abzusprechen.

Nachhaltiges Nutzer-Erlebnis durch Usability

Bengi Haid (MACH AG) stellte anschließend in ihrer Präsentation den Change Prozess ihres Arbeitgebers dar. Sie erläuterte strukturelle Veränderungsprozesse bei der Gestaltung einer bestehenden Software für unterschiedliche Anforderungsgruppen. Dabei bezog sie sich auf die Integration des User-Centered-Design-Ansatzes (UCD) in den Prozessablauf einer agilen Software-Entwicklung, beispielsweise durch die Anwendung von Usability-Methoden im Requirements Engineering. Die Anforderungen der Benutzer werden so systematisch in die Analyse einbezogen. So kann sichergestellt werden, dass sie nach der Identifizierung und Ausarbeitung ihren Weg in die Realisierung finden.

Die Thematik der Standardisierung von Entwicklungsprozessen tangierte den Beitrag von Robert Innes (advantegy GmbH) eher sekundär. Sein Fokus lag viel mehr darauf, die Rezipienten für mehr Empathie dem Nutzer gegenüber zu sensibilisieren. Die gesteigerten Anforderungen des Nutzers aus seinem privaten Umfeld lassen sich generell auf die Erwartungshaltung im Geschäftsleben ummünzen. Dabei ging Robert Innes speziell auf das Spannungsverhältnis von normativen und nützlichen Gestaltungsprinzipien ein. Er resümierte, dass weniger die Frage nach „richtig“ oder „falsch“ im Vordergrund stehen dürfe, als vielmehr die Frage nach der Nützlichkeit. Jedes Unternehmen sei gefordert, ein nachhaltiges Erlebnis (im privaten und geschäftlichen Umfeld) beim Nutzer zu erschaffen.

Erfolgskonzept durch DATEV

Mein Highlight des Tages lieferte DATEV eG selbst: User-Experience-Designerin Birgit Stenzel zeigte in ihrem Vortrag, wie ein CI lehrbuchartig zum Leben erweckt wird. Dabei setzte sie nicht bei den Herausforderungen der Umsetzung an, sondern gab aufschlussreiche Einblicke in die langwierige Vorbereitungszeit und permanent zu leistende Überzeugungsarbeit für ein derartiges Projekt. Zu Beginn galt es Ausgangskriterien wie pain points und critical issues zu identifizieren, diese zu strukturieren, konsequent zu bearbeiten und mit der Etablierung eines ganzheitlichen UCD-Ansatzes eine solide Entwicklungsbasis zu schaffen. Dabei wurde jedem romantisch veranlagten Konzepter die Vorstellung einer grünen UX-Wiese genommen.

Sie wich der knallharten Realität, zielstrebig und stets fokussiert Lobbyarbeit zu betreiben. Es galt Interessenskonflikte der unterschiedlichen Stakeholder zu berücksichtigen, Vorteilskommunikation gegenüber betroffenen Abteilungen zu wiederholen, Barrieren natürlicher Beharrungskräfte abzubauen, personelle Kompetenzen sukzessiv nachzurüsten, interne Restrukturierungsprozesse auf- und umzusetzen, technische Limitierungen zu beachten und natürlich die geweckten Erwartungen zu erfüllen. Darüber hinaus gelang es dem Team, eine ausgewogene Balance zwischen visuell-strukturierter Konsistenz und grafisch-konzeptionellem Freiraum zu finden.

Das Zusammenspiel von Experten

Die sauber hergeleitet und konsequent entwickelten CI-Inhalte sorgen für den notwendigen Rahmen, in dem sich alle neu zu erstellenden Parameter bewegen dürfen. In der Entwicklung eines Produkts schafft die Installation von mindestens einem UX-Designer pro Projekt außerdem die notwendigen Freiheitsgrade für die anderen Projektmitglieder. Freies Denken und die Sicherheit um einen permanent anwesenden UX-Designer, der die CI-Leitplanken beachtet, sollen stets gegeben sein.

Meiner Meinung nach ist der vorgestellte Prozess der CI-Entwicklung bei DATEV eG ein Beweis für die erfolgreiche Installation des UCD-Ansatzes in bestehende Unternehmensstrukturen und ein Paradebeispiel für das professionelle Zusammenwirken von UX-Experten und Fachabteilungen. Somit reichte Birgit Stenzel den ihr zugewiesenen Erfolg für das Projekt sowie den Vortrag stets an ihren Vorgesetzten Ulf Schubert und das rund 30 Mitarbeiter große UX-Team weiter.

Ein ereignisreicher Tag

Meine gesammelten Eindrücke der Veranstaltung fallen durchweg positiv aus. Es war ein tolles Erlebnis, sich unter Gleichgesinnten qualitativ auszutauschen. Die Vorträge aller Beteiligten waren überaus informativ und haben einen spannenden Einblick in die Welt von UX-Herausforderungen und -Möglichkeiten im Umfeld von ERP-Systemen gegeben. So habe ich nicht nur für meine tägliche Arbeit und für uns als CAMAO etwas mitnehmen können, sondern bekam noch einmal verdeutlicht, worauf auch wir in unseren Kundenprojekten stets großen Wert legen: Die Notwendigkeit einer sauber konzipierten User Experience sowie bei bereits erfolgreich eingeschlagener Richtung stets empfänglich zu bleiben – selbst oder gerade vor allem für die kleinsten Usability-Optimierungen. Schlussendlich ergaben die Organisation durch BITKOM und der Host von DATEV eG ein stimmiges Gesamtbild. Ich fühlte mich für einen Tag wie im UX-Schlaraffenland.

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