Ein Beitrag von Monika Grieser.

Im Land der millionen Bundestrainer hat es fast schon Tradition: Jedermann kennt die richtige Aufstellung, möchte in Torwartdiskussionen seinen Standpunkt mitteilen oder lamentiert lautstark über die „Schwerverdiener, die nicht genügend Einsatz zeigen“.

Aber es gibt einen fast ebenso willkommenen Anlass, seine Meinung kundzutun: Wenn sich ein bekanntes Unternehmen oder gar der eigene Arbeitgeber ein neues Corporate Design zugelegt oder den Web-Auftritt überarbeitet hat. „Die Farbe gefällt mir nicht“, „Vorher sah das doch viel besser aus“, „Irgendwie erinnert mich das jetzt total an XYZ“.

Über Geschmack lässt sich nicht streiten? Weit gefehlt.

Was passiert also, wenn diese beiden Welten aufeinanderprallen? Wenn traditionsverliebter Hardcore-Fan auf innovationsgetriebenen Gestalter trifft? Denn tatsächlich gibt es immer wieder den ein oder anderen extrem mutigen Fußballverein, der es sich erlaubt, ein kleinwenig (oder kleinwenig mehr) an seinem „heiligen Vereinswappen“ herumbasteln zu lassen. Im Folgenden stelle ich euch hierzu meine fünf Lieblingsbeispiele vor – vom Logo-Redesign bis hin zum neuen Markenauftritt.

1. Juventus Turin

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1897 gegründet, zählt der Rekordmeister Italiens zu den erfolgreichsten Fußballvereinen der Welt. Mit neuem Logo und einem markanten Erscheinungsbild unter dem Motto „Black and White and More“ wurde 2017 die Internationalisierung der Marke Juventus stark vorangetrieben. Juve-Präsident Andrea Agnelli bescheinigte seinem Club damit einen großen Schritt Richtung Zukunft, in der man ein breiteres Publikum ansprechen und neue Fans weltweit gewinnen möchte.

Kontrastreich, plakativ und reduziert auf das Wesentliche – so lässt sich das neue Logo in wenigen Worten beschreiben. Es stellt die Initialen J und T ganz klar in den Vordergrund. Gemeinsam ergeben sie die typische Form eines Wappens und greifen zudem das Erkennungszeichen des Vereins auf: die schwarzen und weißen Balken, die seit 1903 die Trikots der Mannschaft schmücken. Die markante und moderne Typografie rundet das Ganze ab.

Während nun auf der einen Seite empörte Stimmen von Fans und Medien folgten, „die Gestaltung sei austauschbar“, ist auf anderer Seite die Rede von „wegweisendem Design“. Ganz klar, der neue Look polarisiert. Zweifelsohne ist jedoch eine handwerklich ausgezeichnete visuelle Identität entstanden, die mutig aufzeigt, wohin es gehen soll.

2. Premier League

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Die Premier League ist die höchste Spielklasse im englischen Fußball und – mit so namhaften Clubs wie Manchester United, FC Chelsea, FC Liverpool u. a. – die Sportliga mit den meisten Zuschauern weltweit. Seit der Saison 2016/2017 präsentiert sich die Premier League mit einem neuen Logo und Erscheinungsbild. Das Namenssponsoring hatte auf der Insel große Tradition, bereits seit 1993 verkauften die Engländer die Rechte. Doch nun entschied sich die Fußballliga dazu, den Namen des Sponsoren im Logo wegzulassen, nennt sich schlicht „Premier League“ und ist so auf dem besten Weg hin zu einem sauberen und konsistenten Markenauftritt.

Stark vereinfacht hält das neue Logo zwar an der Löwen-Ikonographie fest, zeigt jedoch nur noch einen Kopf samt Krone. Die Wortmarke ist nun in einer modernen serifenlosen Schrift gesetzt und auch die Farbigkeit wurde überarbeitet.

Wie gut das Erscheinungsbild über sämtliche Kanäle hinweg funktioniert seht Ihr hier:

3. FC Nantes

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Sehen wir uns in der französischen Fußball-Liga um, der Ligue 1. Hier hat sich der Football Club de Nantes, kurz FC Nantes, vergangenes Jahr ein neues Vereinsemblem zugelegt.

Der französische Top-Club mit den Vereinsfarben Gelb und Grün vereinfachte sein bislang sehr kleinteiliges und detailreiches Wappen hin zu einem modernen einprägsamen Logo. Im Mittelpunkt steht die Initiale N, die sowohl die Streifen aus dem alten Design auf charmante Art und Weise aufgreift als auch an die Form eines Bugs erinnert.

Ebenso das Hermelin findet sich in ikonographischer Darstellung wieder. In Kombination mit klarer Typografie und einer reduzierteren Wappenform ist ein neues starkes Vereinsemblem entstanden, das beides vereint: Traditionsverbundenheit und ein zeitgemäßes, professionelles Erscheinungsbild.

4. Mainz 05

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Jetzt kommt mein ganz persönlich liebster Vereinsauftritt. Und auch wenn es für Mainz 05 aktuell in der Tabelle nicht ganz so rosig ausschaut, das neue Erscheinungsbild kann sich umso mehr sehen lassen.

1905 gegründet, zählt der 1. FSV Mainz 05 heute zu den mitgliederstärksten Sportvereinen Deutschlands. Kurz vor Trainingsauftakt zur jetzigen Spielsaison stellte der Club – symbolträchtig im Gutenberg Museum – sein neues Corporate Design vor, das unter dem Leitgedanken „Am Anfang war das M“ entwickelt wurde. Das Vereinsemblem bleibt hierbei in seiner Form unangetastet, bildet mit seinem typischen Mainz-05-M jedoch die Ausgangsform für die eigens entwickelten Corporate-Schriften „M05 Headline“ und „M05 Text“.

Ebenfalls aus dem Mainz-05-M abgeleitet und zudem als Reminiszenz an das Karo-Muster der 1990er Jahre-Trikots gedacht, fungiert ein Muster als zentrales Gestaltungselement. In Kombination mit den Vereinsfarben Rot und Weiß wurde ein charakteristisches und einprägsames Erscheinungsbild entwickelt, das einen Bogen zwischen Tradition und Moderne schließt.

5. Fortuna Düsseldorf

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Ein schönes Beispiel, wie man seine Fans in den Markenbildungsprozess einbinden kann, ist Fortuna Düsseldorf. Der 1895 gegründete Verein führte über 3.000 Fan-Interviews und steckte drei Jahre Arbeit in die Entstehung seiner „Fortuna DNA“. Diese Leitlinie beinhaltet die acht Kernwerte Tradition, Heimat, Gemeinschaft, Respekt, mit Ecken und Kanten, mutig, leidensfähig und humorvoll.

Sie stellt die Grundlagen für das neue Corporate Design: Logo und Farben bleiben hierbei unverändert, neu ist die exklusiv entwickelte Hausschrift „Fortuna Sans“, die an das Vereinswappen angelehnt ist und mit Ihrer markanten Formensprache auf die nicht immer gradlinige Geschichte des Vereins verweisen soll. Ein interessantes Spiel mit typografischen Elementen, Schraffuren, grafischen Formen und einer Bildwelt hauptsächlich in Schwarzweiß – die Fortuna punktet mit Traditionsbewusstsein und einem neuen charakterstarken Auftritt.

Fazit

Das Vereinswappen ist und bleibt das wichtigste Aushängeschild eines Sportclubs. Dass sich Vereine in der Regel nur selten trauen, ihr Signet zu verändern, ist daher kein Wunder. Vor allem wenn man berücksichtigt, dass ein Redesign niemals auf allen Seiten Zustimmung findet.

Es ist jedoch in jedem Fall wichtig, hin und wieder Optimierungen oder Anpassungen am Erscheinungsbild vorzunehmen, um Veränderungen gerecht zu werden – ob das Wappen hierbei ebenfalls überarbeitet wird oder unangetastet bleibt, muss im Einzelfall entschieden werden. Eines ist jedoch sicher, auch wenn das für Traditionalisten mitunter schwer nachvollziehbar ist: Auch ein Verein ist eine Marke, die gepflegt und weiterentwickelt werden muss, sofern sie als zeitgemäß wahrgenommen werden soll.

Die Autorin

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Monika Grieser