Bild: ZU_09 auf Istock

Ein Beitrag von Verena Böhnisch.

Big Data ist ein Phänomen, das sich meist in die Zukunft richtet: Vorhersagen, Prognosen – alles wird mit Unmengen von Daten berechnet, damit wir uns in unseren Entscheidungen möglichst sicher sein können. Immer heißt es Zukunft, Zukunft, Zukunft. Welche faszinierenden Ergebnisse ein simples Umdrehen dieser Denkweise haben kann, möchte ich euch heute anhand der Venice Time Machine zeigen.

Ein trockenes Gedankenexperiment wird das Ganze jedoch nicht. Nehmt euch vier Minuten Zeit und schaut erstmal dieses Video von arte an:

Die Venice Time Machine ist ein ambitioniertes Projekt, das zwei Universitäten, die EPLF in Lausanne und die Ca Foscari Universität von Venedig, in Angriff genommen haben: die Digitalisierung der über 1.000 Jahre umfassenden und 80 km langen Archive des Staates Venedig. Bald wird es möglich sein, mittels 4D-Darstellung, durch die vergangenen Epochen der Lagunenstadt zu reisen.

Es geht also um eine „Karte“ in vier Dimensionen, auf der man frei auf dem Zeitstrahl entlang wandern kann. Alle architektonischen und infrastrukturellen Veränderungen der Jahrhunderte wären live erlebbar. Die Voraussetzung dafür sind natürlich reichhaltige Aufzeichnungen über einen Ort, die seine Rekonstruktion erlauben. Anstatt also mit Big Data die Zukunft zu enträtseln, wird Geschichte erlebbar gemacht. Das hört sich nach einem Herzensprojekt von Kulturinstituten, Museen und Co. an, lässt sich aber auch auf andere Felder übertragen.

Reisen in der 4. Dimension

Im Tourismus kann man damit die Historie beliebter Reiseziele zum Leben erwecken. Berücksichtigt man dazu noch die Entwicklung von Technologien wie Virtual oder Augmented Reality, so lassen sich außergewöhnliche User Experiences ersinnen. Vielleicht werden Menschen bei der Stadtführung im München der Zukunft mit AR-Brillen durch die Straßen ziehen (und hoffentlich bis dahin wieder ohne Segways). Dann wird plötzlich aus einem anschaulichen Neubau ein pittoreskes Palais mit kunstvoller Fassade.

Ein Projekt auf diesem Niveau wäre natürlich mit immensem Aufwand verbunden. Aber auch lokale, kleinere Installationen sind denkbar. Diese beschränken sich dann auf einen kleinen Teil einer Stadt. VR wird (natürlich) schon heute im Tourismus eingesetzt. Bisher werden Nutzer aber meist zum Besuchen einer Region angeregt. Eine 4D-Karte, wie sie für Venedig erstellt wurde, ist auch dafür geeignet, zeigt ihre Stärken aber ebenso im Heimspiel.

Denn die erste Entscheidung für eine Location fällt immer für die Location der Gegenwart. Orte, die nur in den Büchern eine reiche Geschichte und Architektur haben, sind im Tourismus deutlich weniger beliebt. Vor Ort jedoch in die Geschichte einzutauchen – und zwar nicht in ein Meer aus Staub in den Stadtarchiven – könnte die Bindung an die Destination deutlich verstärken.

Venice Time Machine: Mit der Vergangenheit die Zukunft gestalten

Bis diese Technologie kommerziell nutzbar sein wird, dürfte noch einiges an Zeit ins Land gehen. Selbst die Venice Time Machine an sich befindet sich noch in der Entwicklung. Welche Lektionen können wir aber jetzt schon aus ihr ziehen?

/ Es kann sich lohnen, auch mit „Zukunftstechnologien“ in die Vergangenheit zu denken. Man sollte konstant nach neuen Perspektiven Ausschau halten.
/ Nicht mit dem Erstbesten zufrieden geben: Vielleicht kann man die Idee in Kombination mit anderen Technologien noch besser auf ihre Zielgruppe anpassen.
/ Man muss zum Schatzsuchen nicht zwingend ins Eldorado: Oft besitzt man schon wertvolle Ressourcen, die mit einem frischen Blick zur Goldgrube werden können.

Die Venice Time Machine behalten wir natürlich trotzdem im Blick. Danke fürs Lesen und bis bald!


Die Autorin

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Verena Böhnisch
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