Ein Beitrag von Luis Dille.

Figma? Wie bitte, was soll das denn sein? Okay, von vorne – und ohne pubertäre Wortwitze: Figma ist ein Grafikdesign-Tool aus den USA. Der erste Public Release der Software war vor 4 Jahren, und wir bei CAMAO beobachten die Entwicklung des Tools schon länger. Letztes Jahr wurde Figma um ein paar spannende Features ergänzt und wir haben einen generellen starken Wandel in der Design-Community hin zu Figma wahrgenommen. Grund genug für uns, sich das Tool mal intensiver anzuschauen, und genau das haben wir in den letzten Monaten auch getan.

Vielleicht denken sich einige von euch jetzt: „Noch ein weiteres Design Tool? Davon gibt's doch schon mehr als genug!“ Dies müssen wir mit einem klaren Jein beantworten. Sicher gibt es viele Alternativen wie z. B. Adobe XD, Invision Studio, Axure und natürlich Sketch, aber keine davon ist mit Figma wirklich zu vergleichen. Der Gründer von Figma, Dylan Field, hat sich folgendes auf die Fahne geschrieben: „Make design accessible to everyone“. In unseren Augen hat er das auch geschafft, und zwar mit einer grundlegend anderen Architektur der Anwendung im Vergleich zu allen anderen Tools.

Das Schloss in den Wolken

Um diese Architektur zu erklären, eignet sich wohl am besten der Vergleich zu Google Docs. Google hat damals eine Office-Anwendung komplett für den Browser und die Cloud programmiert. Dies bot viele Vorteile, wie z. B. Geräteunabhängigkeit und die Möglichkeit zur Kollaboration in Echtzeit. Genau diese Vorteile bringt auch Figma mit, nur eben nicht für die Textverarbeitung, sondern für das Grafikdesign. Mit Figma lässt sich dabei vom einfachen Wireframe bis hin zum „Pixel-Perfect“ UI-Design alles realisieren. Vielleicht fragt ihr euch, wie gut das überhaupt funktionieren kann, eine vollumfängliche Design-Anwendung in den Browser zu bringen? Wir sagen euch: verdammt gut!

Zugegeben, anfangs waren auch wir ein wenig skeptisch, was Funktionsumfang und Performance angeht, aber wir wurden hier definitiv eines Besseren belehrt. Der Feature-Umfang ist auf einem Level mit all den anderen etablierten Anwendungen, wenn nicht teilweise sogar größer, und auch die Performance braucht sich keinesfalls verstecken. Wir haben es in einem kleinen Härtetest selbst auf die Probe gestellt und zeitgleich mit 40 Kolleg:innen in einem Dokument „gearbeitet“.

Natürlich ist dies kein praxisnaher Anwendungsfall, doch es war spannend, zu sehen, dass die Anwendung das aushält. Hier haben die Entwickler:innen wirklich Großes geleistet. Der Funktionsumfang sowie die einfachen und belastbaren Kollaborationsmöglichkeiten allein sind für viele schon ein Grund, zu wechseln. Doch hier hört Figma nicht auf ...

Figma für alle, alle für Figma?

Ein weiterer Gamechanger für uns war, dass wir plötzlich plattformübergreifend mit allen unseren Kolleg:innen zusammenarbeiten konnten. Dazu muss man wissen, dass wir bei CAMAO eine heterogene Systemlandschaft haben, alle arbeiten mit der Plattform, die ihnen am besten passt. Windows, Mac oder auch Linux – ganz egal. Dank Figma spielt das Betriebssystem nun keine Rolle mehr, was die Nutzung der Anwendung angeht. Interessant dabei ist auch, dass dieser „Ease-of-Use“ und die Unabhängigkeit der Plattform dazu geführt haben, dass zunehmend auch nicht-Designer:innen mit der Anwendung arbeiten.

Was Figma in unseren Augen aber wirklich besonders macht, ist die Einführung der „Community“ vor zwei Jahren. Auch hier würde ich gerne wieder einen Vergleich anbringen: Die Community von Figma lässt sich gut mit Github vergleichen. Sie bietet einen Ort für Designer:innen, um ihre Dateien öffentlich zu teilen, sozusagen als „Open Source“. Figma-Nutzer:innen können sich diese Dateien dann schnappen und sie als Inspiration, „Spielplatz“ oder auch als Grundlage für neue Projekte verwenden.

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Die Figma Community bietet Tausende an kostenlos verfügbaren Dateien. Nicht nur einzelne Designer:innen stellen ihre Arbeit zur Verfügung, teilweise auch große Firmen wie Uber.

Das ist ein Riesending und hilft der Designbranche im Allgemeinen enorm. Auch vor der Community gab es natürlich schon entsprechende Portale und Seiten, auf denen sich Design-Dateien z. B. für Sketch teilen ließen. Diese hatten aber nicht denselben Wirkungsgrad. Wenn solch eine Funktion schon in der Software eingebacken ist, dann hat das eine ganz andere Reichweite und führt dazu, dass deutlich mehr Leute die Funktion nutzen.

Auch die Themen, die aktuell auf der Roadmap stehen, könnten kaum weniger spannend sein, wie z. B. Variants oder Interactive Components.

Figma up, Figma down … and make me happy!

Ist Figma jetzt also das magische Einhorn und die Antwort auf alle (Design-)Fragen? Sicherlich nicht. Wie jede Software hat auch Figma seine Schwächen. Zum Beispiel setzt Figma eine permanente Internetverbindung voraus. Ist diese mal nicht gegeben, kann nur über Umwege an den Dateien gearbeitet werden. Zudem liegen die Dateien durch die Architektur in der Cloud ab und nicht mehr klassisch lokal auf dem eigenen Rechner ober Netzwerkspeicher. Je nach Organisation und Arbeitsumfeld gibt es eventuell besondere Anforderungen an Datenschutz etc., für die das keine optimalen Bedingungen sind.

Nichtsdestotrotz bleibt es eines der vielversprechendsten Design Tools der letzten Jahre und bringt mal wieder frischen Wind in die Szene. Das lässt sich auch quantifizieren: Jordan Bowman und Taylor Palmer führen jährlich auf ihrer Webseite uxtools.co Umfragen bei Designer:innen durch, welche Tools sie einsetzen, und da hat Figma in der aktuellen Umfrage mächtig abgeräumt.

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Spitzenposition in 6 von 8 Fällen: Ist das noch ein “Designer’s Toolkit” oder lassen sich mit Figma allein fast alle Probleme lösen?

Was kostet die Designwelt?

Gar nichts! Im kostenlosen Plan lassen sich alle Features vollumfänglich nutzen. Jedoch sind hier die Anzahl der Projekte und die Menge an gleichzeitigen Kollaborateur:innen in einem Projekt beschränkt. Für eine Agentur wie uns, mit mehr als 200 Mitarbeiter:innen und vielen, verschiedenen Kunden ist das natürlich nichts. Der Plan, der für die meisten der Sinnvollste sein wird, nennt sich „Professional“. Er kostet 12 Dollar pro Monat und pro Lizenz und lässt euch unendlich viele Projekte mit so vielen Teammitgliedern anlegen wir ihr wollt. Für große Unternehmen gibt es auch einen „Organization“ Plan. Dieser schlägt allerdings bereits mit 45 Dollar pro Monat pro User zu buche.

Figma ist Branchenprimus ... erstmal

Figma lässt mir als UX Designer wirklich wenig Wünsche offen. Effiziente Zusammenarbeit, unabhängig von Zeit, Raum und Betriebssystem ist besonders für uns bei CAMAO ein immenser Vorteil. Und weil ich mich selbst gerne auch kreativ austobe, schätze ich die große Flexibilität von Figma. Einschränkungen gibt es kaum und mit den vielen Ressourcen, die die Community bereitstellt, bekommt der eigene Schaffensprozess noch mal einen Riesenboost in Sachen Produktivität aber auch Inspiration.

Natürlich gibt es bei so einer „Allzwecklösung” immer das Risiko, dass sie zwar irgendwie alles kann, aber in nichts richtig brilliant ist. Wir bei CAMAO haben jedoch keine technologischen Scheuklappen auf. Trotz dieses sehr positiven Artikels nutzen wir auch gerne andere Programme – immer das bestmögliche für die aktuelle Aufgabe. Und noch im letzten Jahrzehnt hielten wir Sketch für das Maß aller Dinge. Es lohnt sich also, stets die Augen offenzuhalten. Figma macht aber aktuell einfach sehr viel richtig, darum wollte ich unsere Erfahrungen mit der Software mit euch teilen.

Bei mehr Fragen zu Figma oder Konzeption generell, schreibt mir gerne auf LinkedIn. Wenn ihr direkt konkrete Ideen für Projekte im Kopf habt, ist natürlich auch unser Postfach immer für euch geöffnet. Sagt einfach Hallo!