Wenn wir verletzt sind oder eine Erkältung haben, gehen wir zum Arzt. Wir machen langsam und kurieren uns aus. So weit, so selbstverständlich, so allgemein akzeptiert. Doch wenn es uns mental nicht gut geht, sieht die Sache meistens etwas anders aus: Dann zwingen wir uns, durchzuhalten und versuchen, uns nichts anmerken zu lassen. Wir ignorieren die Signale und Hilferufe unseres Körpers. Wieso machen wir das? Warum betreiben wir Raubbau an uns selbst, wenn es um unsere mentale Gesundheit geht?

Traurig, aber wahr: Die immense Bedeutung unserer mentalen Gesundheit für unser allgemeines Wohlbefinden ist immer noch nicht im Bewusstsein der Allgemeinheit angekommen und akzeptiert. Besonders im beruflichen Kontext ist die menschliche Psyche oft noch Tabu-Thema. Und das, obwohl emotionale Gesundheit für den Arbeitgeber von höchster Relevanz sein sollte – immerhin beeinflusst sie die Leistungsfähigkeit der Mitarbeitenden: Der Anteil der Arbeitsunfähigkeitstage aufgrund psychischer Erkrankungen liegt bei 17,1 % – fast 1/5(!) – und das ohne die Dunkelziffer der Fehltage, die überhaupt nicht durch Ärzte bescheinigt werden.

Bei CAMAO nehmen wir mentale Gesundheit als Teil unserer #crewlove sehr ernst, zum Beispiel, indem wir akribisch auf die optimale Auslastung unserer Mitarbeitenden achten, ihnen persönliche, fachliche und dienstliche Mentoren zur Seite stellen oder sportlichen Ausgleich wie Yoga anbieten.
Um an dieser Stelle auch mal externen Expertinnen-Input zu erhalten, haben wir das Team von Likeminded zum virtuellen Webinar eingeladen. Likeminded setzt sich dafür ein, das Thema mentale Gesundheit in Unternehmen präsenter zu machen, und bietet verschiedene Formate zur Aufklärung und Prävention an.

„Unsere Mission ist es, dass wir anfangen, mentale Gesundheit genauso wichtig zu nehmen, wie unsere physische Gesundheit.“ Kim, Psychologin und Mitgründerin von Likeminded

Im diesem Webinar haben uns Kim (Psychologin) und Nora (Psychotherapeutin/Organisationsdesignerin) von Likeminded erklärt:

/ Warum mentale Gesundheit so wichtig ist.
/ Wie sich mentale und körperliche Gesundheit gegenseitig beeinflussen.
/ Warum wir uns gut fühlen müssen, um besser zu performen.

Hier kommen unsere Learnings aus 90 spannenden Minuten:

Mentale Gesundheit? Nie gehört!

Eine schnelle Umfrage zum Start zeigte: 98 % aller teilnehmenden CAMAOs kennen mindestens einen Menschen, der schon durch eine schwierige Lebensphase gegangen ist. Dies ist kein Zufall, denn statistisch gesehen erkrankt pro Jahr einer von vier Menschen an einem psychischen Leiden. Nora machte uns klar: „Mentale Gesundheit betrifft uns alle. Weil wir alle das Leben anderer berühren und weil wir alle mentale Gesundheit haben.“
Unsere mentale Gesundheit ist unter anderem verantwortlich dafür, wie erfolgreich wir Hindernisse überwinden und Probleme lösen, wie wir Beziehungen aufbauen und erhalten, was wir uns zutrauen und welche Ziele wir uns setzen.

Wichtig für das Verständnis mentaler Gesundheit: Sie ist kein binäres System, das entweder gut oder schlecht ist, sondern vielmehr eine Skala, auf der sich jeder Mensch individuell bewegt.

Das Kontinuum der mentalen Gesundheit

Laut Likeminded könnten 83 % von uns proaktiv mehr für die eigene emotionale Gesundheit tun. Die Herausforderung liegt darin, sich selbst auf der Skala zu reflektieren und die passenden Tools zu kennen, um in den grünen Bereich zu wandern bzw. dort zu bleiben.
„Wir müssen uns fragen, was wir brauchen, um ein wirklich lebenswertes Leben zu leben“, erklärte Nora. Und weiter: Wir müssen unser Bewusstsein darin stärken, dass es genauso wichtig ist, sich um die Psyche zu kümmern, wie um den Körper. Wir können nicht länger so tun, als wäre mentale Gesundheit kein fester Teil von uns. Wir nehmen sie mit – auch ins Büro.

Warum es so schwer ist, über mentale Gesundheit zu sprechen – vor allem im Job

Mentale Gesundheit betrifft uns alle, überall, in jedem Lebensbereich. Doch warum scheuen wir eigentlich davor zurück, darüber zu sprechen, wenn es uns nicht gut geht? Eine der vielen, aber auch eine der gewichtigsten Antworten – zumindest unter den CAMAOs: Wir haben Angst, Schwäche zu zeigen. Vor allem im Job wollen wir nicht verletzlich wirken. Wir glauben, wir müssen stark sein und unsere Probleme alleine bewältigen. Das deckt sich 1:1 mit unserer These aus der Einleitung. Woher kommt dieses Denken?

Spontane CAMAO-Antworten auf die Frage: Warum scheuen wir davor zurück, über mentale Gesundheit zu sprechen?

Für Kim und Nora stammen solche Gedanken aus veralteten Glaubensätzen, die sich in unseren Köpfen festgesetzt haben – und mit denen aufgeräumt werden muss. Beginnen wir also am besten mit ein paar Fakten:

/ Knapp 70 % der Mitarbeitenden, die unter einer diagnostizierten psychischen Erkrankung leiden, werden als sehr gute Mitarbeitende wahrgenommen – und bei den meisten davon fällt die Erkrankung nicht einmal auf (Medical News Today).
/ Anderen Menschen zu helfen hat einen positiven Einfluss auf die eigene mentale Gesundheit – Helfen ist ein Stressreduzierer.

Also, was hält uns noch ab? Es ist Zeit für eine Kehrtwende:

Let´s talk about health, baby!

Tatsachen auf den Tisch – lasst uns der mentalen Gesundheit die Aufmerksamkeit schenken, die sie verdient. Wie beeinflusst eine angeschlagene mentale Gesundheit unseren Alltag? Nora nahm uns mit hinter die Kulissen:

Der Zusammenhang von Stress und Leistungsfähigkeit
Unsere mentale Gesundheit wird stark von unserem Stresslevel beeinflusst. Dabei ist Stress nicht per se schlecht – die Dosis macht den Unterschied. Zu viel Stress, über lange Zeit aufgebaut, reduziert die emotionale Widerstandskraft, beinträchtigt die Konzentrationsfähigkeit, führt zu schlechteren Entscheidungen, verstärkt die eigene Unsicherheit. Kurz: die Performance sinkt.
Zu wenig Stress ist aber auch keine Lösung. Denn dies führt zu Lethargie und Langeweile. Wir müssen daher dafür sorgen, dass wir optimal angespannt sind. Und zwar so, dass wir stark performen können und gleichzeitig genug Energie dafür zur Verfügung haben.

Zusammenhang von Stress und Leistungsfähigkeit nach The Yerkes-Dodson Law

Was passiert bei Langzeitstress?

Es ist nicht nur so daher gesagt, dass sich schlechte mentale Gesundheit negativ auf unseren Körper auswirkt. Sind wir über einen längeren Zeitraum gestresst, verändert sich unser Nervensystem (Tuoro University):

/ Die Amygdala, der emotionale Teil des Gehirns, wächst. Wir reagieren sensibler, sind schneller irritiert und können unsere Emotionen schlechter regulieren. Schon kleinste Trigger lösen starke emotionale Reaktionen hervor.
/ Der Hippocampus, zuständig für Erinnerung und Lernen, schrumpft.
/ Der präfrontale Kortex, unser Motor und Computer, verliert an Volumen. Das führt zum Verlust an Selbstvertrauen und vermindert die Leistungsfähigkeit.

Deswegen ist es so immens wichtig, die eigene mentale Gesundheit zu pflegen und früh genug etwas zu unternehmen, wenn wir überlastet sind.

Wie entsteht Stress?
In der nächsten Umfrage wollte Nora wissen, an welchen Zeichen wir erkennen, dass wir gestresst sind. Ganz vorne bei CAMAO im Rennen: Schlaflosigkeit, Gereiztheit, Kopfschmerzen. Stressreaktionen werden durch interne und externe Stressoren verursacht. Externe Stressoren sind konkret auszumachen wie zum Beispiel Deadlines oder Zeitdruck. Sie sind nur für ca. 10 % der Stressreaktion im Alltag verantwortlich.

CAMAO Antworten auf die Frage: Woran merkt ihr, dass ihr gestresst seid?

Die internen Stressoren machen mit 90 % den stärkeren Anteil unserer Stressreaktion aus. Sie sind individuelle innere Treiber und meist so automatisiert, dass wir sie gar nicht wahrnehmen. Die inneren Treiber bewerten wie eine kritische Stimme alles, was wir tun. Typische Treiber, die die meisten Menschen kennen sind beispielsweise:

/ SEI PERFEKT: Ich muss alles noch besser machen!
/ BEEIL DICH: Ich muss schnell sein!
/ STRENG DICH AN: Ich muss mich immer performen!
/ MACH ES ALLEN RECHT: Ich muss anderen gefallen, um etwas wert zu sein!
/ SEI STARK: Ich darf keine Schwäche zeigen!

Entstehung von Stress nach Kaluza G. (2011)

Diese inneren Treiber beeinflussen unser Verhalten und die Bedeutung, die wir Dingen im Alltag beimessen. Sie führen oft dazu, dass wir unsere mentale Gesundheit vernachlässigen und unsere Grenzen überschreiten.

„Eine dringende E-Mail bleibt eine E-Mail, bis ich dieser E-Mail einen Wert zuschreibe und sie zum Beispiel mit meinem Selbstwert verknüpfe, mit meiner Wirkung im Außen.“ Nora, Psychotherapeutin und Speaker bei Likeminded

Tipp von Nora: Die inneren Treiber kritisch hinterfragen: Wieso habe ich mir diese Treiber angeeignet? In welchen Situationen können sie mir hilfreich sein? Und wann muss ich mich ihnen entgegenstellen, weil sie mich behindern? Oft hilft es, die automatisierten (negativen) inneren Treiber positiv zu korrigieren: Ich darf Fehler machen; ich darf Pausen machen und mir Zeit für mich nehmen; ich darf verletzlich sein und mir Hilfe bei anderen suchen …

„Die meisten Verhaltensweisen resultieren aus unseren inneren Narrativen, die wir gelernt haben. Aber wir können sie umschreiben und in ihrer Macht entkräften. Damit wieder WIR entscheiden und nicht der innere Kritiker, der innere Hochschullehrer, oder der innere Fitnesscoach.“ Nora, Psychotherapeutin und Speaker bei Likeminded

Mit diesem Wissen im Hinterkopf und der Optimierung unserer Denkhaltung kann man schon einiges in unserem Inneren zum Positiven verändern. Mit der Theorie wären wir an dieser Stelle durch, im zweiten Teil dieses Beitrags wird´s praktisch. Denn: Auch gegen die externen Faktoren können wir etwas tun. Vor allem wenn es darum geht, die äußeren Stressreaktionen herunterzufahren und an den externen Stressoren etwas zu verändern. Nora verriet uns konkrete Tipps und Tricks, um die eigene mentale Gesundheit zu pushen.

Hier geht´s weiter mit Teil II von „Born to perform? – Mentale Gesundheit als strategische Entscheidung