Bild: Jonathan Simcoe (Unsplash)

Ein Beitrag von Heiko Winter.

Ihr kennt das: Ihr bingewatcht gerade das Netflix-Angebot leer, habt natürlich euer Smartphone oder Tablet neben euch liegen und fragt euch während einer Folge: „Stimmt das? Hat der Escobar das wirklich so gesagt/getan/befohlen?“ Eure Neugier ist geweckt: jetzt erstmal bei Wikipedia nach „Pablo Escobar“ suchen …

Warum ist das so und was hat das mit unserem Beruf zu tun?

Neugier ist eine Emotion und sie ist uns Menschen praktisch in die Wiege gelegt. Sie sorgt seit Jahrtausenden dafür, dass wir uns ständig weiterentwickeln, Dinge verändern, uns auf die Suche nach dem Unbekannten und Neuen begeben.

… Das Gefängnis, „La Catedral“ hat Escobar also wirklich selbst gebaut bzw. bauen lassen. Es liegt in der Nähe seines Heimatortes „Envigado“ …

Als Menschen vor ca. einigen Millionen Jahren begannen Dinge zu hinterfragen, mündete dies in einem ständigen Fortschritt. Das eigentlich Bemerkenswerte ist allerdings nicht die Tatsache, dass jemand irgendwann einmal das sprichwörtliche „Rad erfunden“ oder zum ersten Mal Feuer gemacht hat. Sondern, dass die Neugier diese kreative Leistung erst möglich gemacht hat.

Kreativität = Neugier?

Nein, Kreativität ist nicht mit Neugier gleichzusetzen. Aber offenbar ist Kreativität eine Funktion der Neugier. Sie funktioniert übrigens deshalb so gut, weil offenbar – wie Prof. Colin Camerer vom California Institute of Technology (Caltech University) und sein Team herausgefunden haben – die neuronalen Prozesse in Bereichen des Gehirns ablaufen, die eng mit dem sogenannten „dopaminergen System“ verbunden sind. Also mit Bereichen, die auf das („Glücks“-)Hormon Dopamin reagieren. Das Streben nach Wissen kann also Glücksgefühle erzeugen.

… Auf dem Gebiet des heutigen Envigado lebte vor der Ankunft der Spanier das indigene Volk der Anaconas …

Glücksgefühle im Agenturalltag kommen „gefühlt“ nicht allzu oft vor, aber dennoch erklärt es, was unseren Beruf a) so spannend und interessant macht und b) uns antreibt, immer mehr wissen und machen zu wollen. Das Belohnungszentrum im Gehirn wird aktiviert und aus uns sprudelt es geradezu an Ideen und neuem Tatendrang.

Allerdings kann auch das genaue Gegenteil eintreten. Nämlich dann, wenn die Aufgaben die wir bekommen, auf Dauer zwar leicht zu bewältigen, aber zu einfach sind. Minderkomplexität erzeugt keine neuen Reize. Wir haben alles sozusagen so verinnerlicht, dass wir es als „Uninteressant“ empfinden.

… Indigene Völker des Amazonasbeckens sind leider praktisch rechtlos und stiller Vertreibung ausgesetzt 🙁 …

Die „Emotionstheorie der kognitiven Bewertung“, die auf den US-amerikanischen Psychologen Richard Lazarus zurückgeht, spricht in dem Zusammenhang davon, dass Emotionen von subjektiven Bewertungen kommen. Demzufolge werden Emotionen dadurch hervorgerufen, WIE Menschen etwas bewerten und nicht durch die Tatsache, dass sie es bewerten. Das bedeutet, dass wir eine Neuigkeit dann Interessant finden – sprich: wir neugierig werden und bleiben – wenn wir z. B. selbige als komplex, herausfordernd, aber gleichzeitig als verständlich bewerten.

John Spencer, ein College-Professor und ehemaliger Middleschool-Lehrer spricht und schreibt in seinem Blog über Kreativität, Neugier und Design-Thinking am College. Er ist der Meinung: „Wir alle sind kreativ. Jeder von uns!« „Curiosity-Cycle“ (@ John Spencer – http://www.spencerauthor.com)

Ein Beispiel: Ein Werbespot, mit einer subtilen Pointe oder einer treffenden Metapher, die den Inhalt oder den USP auf eine spannende Art wiedergibt, setzt einen hohen Reiz und ist gleichfalls verständlich. Ist der Gag des Spots eher flach, also die Reizschwelle gering, empfinden wir es als uninteressant.

Wir können uns diese Erkenntnis in allen Designdisziplinen zu Nutze machen. Im Screendesign zum Beispiel können wir die Reizschwelle stets hoch halten – etwa durch gezielte Eingriffe bei der Gestaltung der Icons, der Platzierung bestimmter Elemente oder auch schlicht der außergewöhnlichen Kuratierung des Inhalts. Allerdings gerade so hoch, so dass stets das Verständnis der User gewährleistet bleibt und der Nutzer nicht überfordert wird.

Beim Relaunch der Website und des Shops unseres Kunden „Eisbär“ locken der spannende Umgang mit Produkten, schrägen Fläche und detailverliebten Animationen.

… Das Amazonasbecken ist die Heimat von 2,5 Millionen Arten Insekten, tausenden Pflanzen, Vögeln und Säugetieren …

Neugier kann allerdings auch dazu führen, dass wir sprichwörtlich an der Nase herumgeführt werden. Z. B. durch den klassischen „Clickbait“, also einem Klickköder im Internet, um höhere Zugriffszahlen und somit Werbeeinnahmen zu generieren. Oder auch durch gezielt gestreute „Hoaxes“ oder „Scams“ (Stichwort „Fake-News“), hauptsächlich um die öffentliche Meinung durch gezielte Irreführung zu beeinflussen.

Budi Harto Tanrim macht die Nutzer mit seinem spielerischen Umgang mit dem Interface für ein Umfragen-Tool neugierig (@2017 Budi Harto Tanrim)

Neugier durch den Innovationstreiber Technologie: Der 360°-VR-Animationsfilm für die Deutsche Telekom begeistert durch ausgefeiltes Motion-Design und 3D-Modellierung.

Neugier = Treibstoff und Filter

Ungeachtet der negativen Beispiele ist für mich die Neugier im Berufsalltag vor allen Dingen zweierlei: Treibstoff und Filter.
Treibstoff einerseits, weil sie mich immer wieder antreibt, neue Dinge zu lernen und meinen Horizont zu erweitern. Sei es über eine einfache Recherche oder Inspiration beim Entwerfen, oder aber weil man sich inhaltlich mit dem Tun seiner Kunden auseinandersetzt und somit zum „Experten“ wird – beispielsweise für Unterlagsplatten:

Unterlagsplatten haben unsere Neugier als Designer geweckt. Und für alle anderen Neugierigen gibt’s bald etwas Neues auf der CAMAO-Website …

… Zu den Säugetieren zählen u. a. Menschen (also auch Pablo Escobar) und Primaten. Die Handflächen und Fußsohlen sind meistens unbehaart, bei manchen Arten auch das Gesicht oder der ganze Kopf, zum Beispiel Uakaris …

Pablo Escobar: „Narcos“ Hauptdarsteller Wagner Moura (©2015 Netflix) und Roter Uakari (auch: „Rotgesicht-Saki“ (via Wikipedia)

Andererseits ist es ein Filter, da Neugier für mich persönlich bedeutet, auch hinter die Kulissen zu blicken und man somit lernt, wichtiges und nützliches von unwichtigem und nutzlosem zu unterscheiden.

… Das unbehaarte, rote Gesicht dient als Indikator für die Gesundheit eines Roten Uakaris.

Wobei: unnützes Wissen macht eigentlich auch ziemlichen Spaß.
Also: bleibt Neugierig! 😉

Im Folgenden noch eine Handvoll Links, die euch sicher neugierig machen:

Neugier und Wissen:
http://sz-magazin.sueddeutsche.de/texte/anzeigen/42914/1/1
https://www.zukunftsinstitut.de/artikel/was-macht-menschen-neugierig/
http://www.neon.de/artikelliste/unnuetzeswissen
http://de.wikipedia.org/ 😉

Recherche-Tipps (Design/Typografie, UX etc.):
https://www.inspirationde.com
http://chromeography.com
http://designspiration.net
https://dribbble.com
http://littlebigdetails.com

Blogs:
https://www.klonblog.com
https://cvil.ly
http://designmind.frogdesign.com
http://www.nerdcore.de
http://uxzentrisch.de

Real Life:
Kino
Theater
Konzert
Natur, den Wald, …
Fremde Länder
Menschen
„Stay hungry, stay foolish …“

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